Verletzt!... Und dann?

Jeder Sportler kennt sie. Angefangen beim blauen Fleck über Wunden bis hin zu Entzündungen oder Rissen in Muskelfasern, Sehnen, Bändern, Knochen oder Teilen der Gelenke gibt es wohl kaum einen Athleten, der im Laufe seiner sportlichen Karriere nicht schon die ein oder andere Verletzung wegstecken durfte. Grund genug, einmal einen Blick auf die mentalen Aspekte von Verletzungen und die sportpsychologischen Ansätze in diesem Bereich zu werfen.

Bei Verletzungen, bei denen ein Aussetzen von Training und Wettkämpfen nötig wird, fällt für den Sportler ein bedeutender Teil seines Lebens zumindest vorübergehend weg und eine Lücke entsteht. Für viele ist der Sport wichtig für die innere Balance, ein Weg, für sich einen Ausgleich zu finden, Gefühle und Energien zu kanalisieren und in produktive Bewegungen umzuwandeln. Entspannung durch Anspannung sozusagen, körperlich wie mental. Auch stellt das sportliche Umfeld oft eine Basis für soziale Kontakte dar, Beziehungen entstehen, Freundschaften werden geknüpft, Schweiß schweißt schließlich zusammen. Wichtige Säulen für das Wohlergehen eines Sportlers können nach einer Verletzung also ins Wanken geraten. Relativ plötzlich muss der Athlet andere Mittel und Wege finden, um diese Funktionen zu ersetzen oder zu erhalten. Dies macht sich nicht immer innerhalb der ersten Tage oder Wochen einer Verletzungsphase bemerkbar, kann aber mit zunehmender Zeit bedeutender werden.

Etwas, was in der Regel sehr zeitnah spürbar wird, ist die notwendige Neuorientierung bezüglich der eigenen Ziele und Motive. Durch ihr oft plötzliches Erscheinen bremsen Verletzungen das zielgerichtete Sporttreiben abrupt aus, Trainingserfolge der vergangenen Wochen und Monate können zunichte gemacht werden, gesetzte Ziele müssen eventuell wieder hinterfragt oder komplett neu geformt werden. Den Frust gilt es erst einmal zu überwinden, für die Athleten selbst, aber auch für Trainer, Betreuer, Teamkollegen... Hinzu kommt, dass das Selbstbild durch die Veränderung der inneren "Rollenbilder" ins Wanken geraten kann. Der leistungsstarke Führungsspieler einer Mannschaft wird beispielsweise zum Patienten auf der Reservebank, für die überragende Nachwuchsathletin interessiert sich die Zeitung vorübergehend nicht mehr, wenn die glanzvollen Wettkampfergebnisse ausbleiben usw. Dieser Anpassungsprozess ist in seiner Komplexität nicht zu unterschätzen. Nicht umsonst kommen in dieser Phase oft grundsätzliche Entscheidungsfindungen hinsichtlich der sportlichen Karriere zustande. Der Schweregrad und auch eventuell bereits vorangegangene Verletzungen spielen hierbei natürlich eine wichtige Rolle.

Je nach Anliegen und Bedarf gibt es verschiedene Möglichkeiten der sportpsychologischen Unterstützung in diesem Bereich. Ein Ansatz besteht darin, durch gezieltes Vorstellungstraining Heilungsprozesse zu verbessern oder auch sportartspezifische Techniken und Abläufe mental zu trainieren, um dem entstehenden Trainingsrückstand entgegenzuwirken. Darüber hinaus kann ein Coaching sinnvoll sein, um Gedanken und Gefühle, Ziele, Motivation, Aufgaben und Vorgehen zu sortieren und ggf. neu zu strukturieren. Zusätzlich spielt das Umfeld des verletzten Athleten eine wichtige Rolle. Wie verhalten sich beispielsweise Trainer oder das Team? Auch hier kann eine gezielte Fallberatung oder die Reflektion des grundsätzlichen Umgangs mit Verletzungen hilfreich sein, um Potentiale nicht auf der Strecke liegen zu lassen.

Ist der Heilungsprozess ausreichend vorangeschritten, sehen manche Athleten beim Wiedereinstieg in ihren Sport einer besonders kritischen Herausforderung entgegen: Einer deutlich erhöhten (Wieder-)Verletzungsangst. Dieses Phänomen hat zunächst einmal eine sehr sinnvolle Schutzfunktion. Athleten werden hier dabei unterstützt herauszufinden, wann die Angst tatsächlich eine gute Beraterin ist, die vor ernstzunehmenden Risiken warnt, und wann es sich eher um eine übersteigerte emotionale Reaktion handelt.

Ich hoffe, damit ein wenig Licht in dieses dustere Themenkapitel gebracht zu haben. Fragen, Anregungen und Feedback sind wie immer herzlich willkommen!

In diesem Sinne... Stay safe everyone!


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