Was ihr gerne wissen wolltet...

Ihr hattet per Aufruf Gelegenheit, Fragen zum Thema Sportpsychologie zu stellen. Vielen Dank für die interessanten Fragen, die eingereicht wurden, und nun viel Vergnügen bei der Lektüre!

Kann man die Theorien auch auf andere Bereiche übertragen, Schule zum Beispiel?

Ja. Was man sich mental erarbeitet, lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen. Ob im Sport, Beruf, im Privaten oder in der Schule, der Inhalt ist dabei zweitrangig. Die Kernthemen bleiben die gleichen - beispielsweise mit Aufregung umgehen, sein Können abrufen, wenn’s darauf ankommt, oder andere Herausforderungen bewältigen -, nur der Kontext ist ein anderer. Ich nenne zwei konkrete Beispiele aus meiner Arbeit: Eine jugendliche Athletin, die an Wettkampftagen immer (zu) aufgeregt war, fing von sich aus an, die erlernten Mentaltechniken in der Schule anzuwenden, wenn sie Referate vor der Klasse halten musste. Die Transfers ergeben sich von selbst. Das andere Beispiel kommt aus dem Bereich der Musik. Eine Klarinettenspielerin, die an Konzerttagen wegen ihres Lampenfiebers immer sehr angespannt war und deshalb ihr Können nicht vollständig abrufen konnte. Sie brauchte eine entspannte Atmung, um gut spielen zu können, und das hat sie mit Entspannungstechniken und positiver Gedankensteuerung gut hinbekommen.

Welches sind Deine bewährtesten Tricks, um Ängste zu überwinden?

Angst ist nicht gleich Angst, und nicht jede Angst soll oder muss überwunden werden. Ich gehe beispielsweise bei Verletzungsangst anders vor als bei einer Angst sich zu blamieren. Es gibt aber auch Parallelen. So unangenehm sie erscheinen mag, die Angst ist eigentlich eine gute Freundin, die Dich vor etwas beschützen möchte, also zum Beispiel davor, dass Du Dich blamierst, verletzt, etwas Wertvolles verlierst oder ähnliches. Bei Gefahr im Verzug schlägt sie Alarm. Und manchmal berät sie Dich gut, manchmal meint sie’s aber auch zu gut mit Dir und schießt über das Ziel hinaus. Dann steht sie Dir eher im Weg. Da gibt es Mittel und Wege, das eine vom anderen zu unterscheiden. Die Möglichkeiten, mit Angst umzugehen, sind sehr vielfältig. Meine persönliche typische Vorgehensweise, wenn ich mich von meiner „Freundin“ nicht gut beraten fühle: 1. Körper regulieren, Muskeln lockern, tiefe Bauchatmung, entspannen 2. Hilfreiche Gedanken aufsuchen, die mir so gut wie möglich innere Sicherheit verschaffen 3. Und dann Mut, Mut, Mut!

In welchem Verhältnis (z.B. Zeit oder Volumen) sollte Deiner Meinung nach „an den Schwächen arbeiten“ und „Stärken fördern“ stehen, um die maximale Motivation zu erzielen?

Grundsätzlich haben Menschen Spaß daran, sich in etwas zu verbessern, unabhängig vom Ausgangslevel. Bei kleinen Kindern kann man diese angeborene Motivation deutlich erkennen. Sie bleibt uns ein Leben lang erhalten, nur das Drumherum wird etwas komplexer. Ein guter Coach zeichnet sich dadurch aus, dass er/sie imstande ist, seinen/ihren Athleten genau die richtigen Schritte mit an die Hand zu geben, damit sie in ihrem Können die nächste Stufe erreichen, egal, auf welchem Niveau sie sich aktuell befinden. Das klingt recht simpel, ist aber gar nicht so einfach. Der Teufel steckt oft im Detail! Aber es gilt: Sich in etwas zu verbessern finden die meisten Menschen gut und sind entsprechend motiviert. Handelt es sich aber um eine Tätigkeit, an der man gar keinen Spaß hat, sondern eher Unlust empfindet, dann kommt Motivation nur über die Sinnhaftigkeit. Also was habe ich davon, wenn ich das trotzdem übe und mich darin verbessere? Das hängt zusammen mit den persönlichen Zielen und Wünschen. Sind die Handlungszusammenhänge klar und der Anreiz, also das Ziel entsprechend attraktiv, dann entsteht Motivation. Die Kategorien „stark“ oder „schwach“ sind für das Thema nicht zwingend relevant. Aber es gibt natürlich einen Zusammenhang: In der Regel ist man in bestimmten Dingen gut, weil sie einem besonders viel Spaß machen und man sie deshalb gerne tut (und umgekehrt macht es großen Spaß, wenn man etwas gut kann). Um also in schwächeren Bereichen mit Spaß und Motivation voranzukommen, braucht es eine besonders klare, attraktive Vision von dem, was ich damit für mich erreichen möchte.

Was macht einen guten Athleten aus? Großes Ego mit ständigem Hunger nach Bestätigung und Aufmerksamkeit von außen oder ruhig und bescheiden?

Talent kann einen Sportler bis zu einem gewissen Punkt bringen, ab dann werden Arbeitsethik und der sogenannte Mindset, also die Denkweise zu wichtigen Faktoren. Es ist ein recht komplexes Thema, zu dem ich an dieser Stelle aber ein paar Stichpunkte nennen kann. Die wahrgenommene Selbstwirksamkeit: Gute Athleten zeichnen sich durch eine hohe und realistische Einschätzung der eigenen Einflussmöglichkeiten aus. Sie geht einher mit der Fähigkeit, Verantwortung für Handlungen, Ereignisse und Ergebnisse zu übernehmen. Im Positiven wie auch im Negativen. Auch sind ein hohes Maß an Zielstrebigkeit sowie Spaß an Arbeit und Leistung förderlich. Hinzukommt ein gutes Selbstvertrauen und der Glaube an sich selbst. Seinen Selbstwert nahezu ausschließlich über (sportliche) Leistungen zu definieren, ist eher hinderlich, da es viel Druck und inneren Stress erzeugt, unter dem man sein Können nicht mehr optimal abrufen kann. Natürlich tragen starke Leistungen und Siege immer positiv zum Selbstbewusstsein eines Sportlers bei. Langfristig muss ein guter Athlet aber das Vertrauen in sich tragen, auch mit Niederlagen, Rückschlägen und sehr schwierigen Situationen umgehen zu können. Nur dann kann er/sie in Wettkampfsituationen befreit und mutig, das heißt mit einer gewissen Risikobereitschaft auftreten. Und am Ende gehört natürlich auch eine Bereitschaft dazu, sich mit anderen zu messen, das heißt Konkurrenzsituationen anzunehmen, und – ganz wichtig – die Freude daran, etwas besser zu können als andere. Andere besiegen wollen, einfach weil es Spaß macht. Das kann man als gesundes Konkurrenzdenken bezeichnen. Halbwegs zerknirscht sollte ein guter Athlet schon sein, wenn er beim Mensch-ärgere-Dich-nicht verliert (Smiley). Das ist aus meiner Sicht das Holz, aus denen gute Athleten geschnitzt sind. Es gibt natürlich auch Beispiele von sehr erfolgreichen Sportlern, die innerlich ganz anders gestrickt waren, die mit viel Druck und innerem Stress sehr weit gekommen sind. Die Wahrscheinlichkeit ist aber recht hoch, dass diese Athleten irgendwann anfangen, mit ihrem Werdegang zu hadern. Ob es sich bei der Persönlichkeit um eine eher extrovertierte „Rampensau“ oder eine introvertierte, ruhige Person handelt, ist in diesem Zusammenhang nebensächlich. Beide können einen positiven Mindset haben und gute Athleten sein.


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